Geschichten · Kurze Kindergeschichten
Piet lernt schwimmen
Piet hat Angst vor Wasser und überwindet sie mit Hilfe seiner Freunde.
Am Morgen glitzerte der Waldteich wie ein großes Stück Himmel. Zwischen den Seerosen summten Libellen. Am Ufer des Freche-Maus-Waldes saß Piet Igel auf einem flachen Stein und betrachtete seine Füße.
„Ihr bleibt schön trocken“, sagte er zu ihnen.
Da raschelte es hinter ihm.
„Mit wem redest du?“, fragte Mimi Maus.
„Mit meinen Füßen.“
Mimi beugte sich hinunter. „Guten Morgen, Füße! Lust auf ein Bad?“
Piet zog die Beine an. „Sie haben schon andere Pläne.“
Hinter Mimi kamen Emma Eichhörnchen, Fritz Fuchs und Bruno Bär. Emma trug einen Ball. Fritz hatte ein Handtuch um den Hals. Bruno schleppte einen Korb mit Beeren, Broten und fünf Bechern.
„Heute ist ein wunderbarer Schwimmtag“, brummte Bruno.
Piet nickte langsam.
Ein wunderbarer Schwimmtag. Für alle anderen.
Erst einmal nur gucken
Die Freunde suchten sich einen Platz unter der alten Weide. Dort führte ein sandiger Weg ganz flach ins Wasser. Bruno kannte diese Badestelle gut. Es gab keine Strömung, und man konnte den hellen Grund sehen.
Emma legte den Ball ab und hüpfte von einem Fuß auf den anderen.
„Kommst du mit, Piet?“
„Ich bewache die Brote.“
Fritz schaute in den Korb. „Sehr verdächtige Brote. Eins sieht aus, als wollte es fliehen.“
Mimi kicherte. Piet lächelte ein bisschen.
Dann platschte Emma mit den Zehen ins Wasser.
Piets Lächeln verschwand.
Das Platschen klang in seinen Ohren viel lauter, als es war. Er erinnerte sich an einen Regentag. Damals war er in eine Pfütze getreten. Das Wasser war plötzlich bis an seinen Bauch gekommen.
Seitdem mochte er nicht einmal volle Gießkannen besonders gern.
Bruno setzte sich neben ihn. Der Ast über ihnen wippte im Wind.
„Du musst nicht ins Wasser“, sagte er.
Piet sah ihn überrascht an. „Auch nicht ein kleines bisschen?“
„Auch nicht ein kleines bisschen.“
Eine Weile schauten sie den Wellen zu.
„Ich würde schon gern schwimmen können“, murmelte Piet schließlich. „Aber mein Bauch macht dabei einen Knoten.“
„Dann fangen wir nicht mit Schwimmen an“, sagte Bruno. „Wir fangen mit Gucken an.“
„Das kann ich“, sagte Piet.
Mimi setzte sich auf seine andere Seite.
„Ich auch. Ich bin sogar eine ausgezeichnete Guckerin.“
Sie guckten einen Wasserläufer an. Sie guckten einem Blatt hinterher. Sie guckten zu, wie Fritz vorsichtig ins seichte Wasser stieg und dabei sagte: „Huch. Meine Zehen haben kalte Nasen bekommen.“
Piet musste lachen.
Der Knoten in seinem Bauch wurde ein winziges Stück lockerer.
Ein Zeh geht auf Reisen
Nach einer Weile nahm Mimi ein breites Blatt und legte es auf die Wasseroberfläche.
„Mein Schiff fährt los!“
Das Blatt schaukelte am Ufer entlang. Dann blieb es an einem Schilfhalm hängen.
„Kapitän Piet?“, fragte Mimi. „Könntest du ihm einen kleinen Schubs geben? Vom Sand aus?“
Piet rutschte näher.
Er streckte eine Pfote aus. Noch ein Stück. Seine Fingerspitze berührte das Wasser.
Kühl war es. Und glatt.
Piet zog die Pfote zurück.
Dann schaute er sie an.
„Nass“, stellte er fest.
„Eine sehr richtige Beobachtung“, sagte Fritz.
Piet tippte das Blatt an. Es segelte weiter.
„Gerettet!“, rief Mimi. „Alle Blattreisenden sagen danke!“
Nun wollte Piet wissen, wie sich das Wasser an einem Fuß anfühlte.
Bruno stand neben ihm im flachen Wasser.
„Ich bleibe bei dir“, sagte er. „Und wenn du zurückwillst, gehen wir zurück.“
Piet hielt sich an Brunos großer Pfote fest.
Er schob einen Zeh hinein.
Dann den ganzen Fuß.
Dann den zweiten.
„Meine Füße sind drin“, flüsterte er.
Niemand jubelte laut. Emma grinste nur so breit, dass ihre Wangen rund wurden.
Piet machte einen kleinen Schritt. Das Wasser reichte bis über seine Füße. Sand kitzelte zwischen seinen Zehen.
Da hüpfte Emma vor Freude.
Plitsch!
Ein paar Tropfen landeten auf Piets Nase.
Sofort wich er zurück.
„Ich will raus!“
„Natürlich“, sagte Bruno.
Sie gingen zusammen ans Ufer. Mimi reichte Piet das Handtuch. Emma ließ die Ohren hängen.
„Entschuldige. Ich habe vergessen, nicht zu spritzen.“
Piet trocknete seine Nase.
„Die Tropfen waren plötzlich da.“
„Ich bleibe jetzt am Rand sitzen“, versprach Emma.
Piet wickelte das Handtuch um seinen Bauch. Der Knoten war wieder da.
Fritz setzte sich neben ihn und biss in ein Brot.
„Dieses hier wollte tatsächlich fliehen“, sagte er mit vollem Mund. „Gerade noch erwischt.“
Piet schnaubte vor Lachen.
Nach einer Pause sah er zum Wasser.
„Ich glaube“, sagte er, „meine Füße möchten noch einmal.“
Drei kleine Schwimmzüge
Diesmal ging Piet bis zum Bauch hinein. Bruno blieb direkt neben ihm. Mimi und Emma saßen am Rand, und Fritz stand ruhig im seichten Wasser.
Piet sah seine Füße auf dem Sand.
„Noch sind sie da“, sagte er.
„Wasser kann keine Füße klauen“, erklärte Mimi. „Ich habe nachgesehen.“
Bruno zeigte Piet, wie er seinen Bauch auf dessen breite Pfote legen konnte.
„Ich halte dich. Du kannst mit den Beinen paddeln. Und sobald du stehen möchtest, stellst du sie wieder auf den Boden.“
Piet probierte es.
Erst strampelte er so schnell, dass seine Beine sich beinahe selbst überholen wollten.
„Langsamer“, brummte Bruno. „Wir haben den ganzen Vormittag.“
Piet atmete aus.
Er paddelte langsam. Vorne. Hinten. Vorne. Hinten.
Das Wasser wackelte unter seinem Bauch.
Aber es fühlte sich nicht mehr nur fremd an.
Es fühlte sich auch weich an.
„Du hältst mich noch?“, fragte er.
„Ja.“
Piet paddelte weiter.
Dann stellte er die Füße hin und ruhte sich aus.
Beim nächsten Versuch hielt Bruno ihn ein bisschen weniger fest. Piet spürte, wie das Wasser seinen Bauch trug.
„Ich möchte bis zu Fritz“, sagte er.
Fritz stand nur drei kleine Schwimmzüge entfernt.
Bruno nickte. „Ich gehe neben dir.“
Piet holte Luft.
Ein Schwimmzug.
Sein Bauch kribbelte.
Zwei Schwimmzüge.
Brunos Pfote war dicht unter ihm, aber Piet schwamm selbst.
Drei Schwimmzüge.
Schon berührten seine Füße wieder den Sand.
„Guten Tag“, sagte Fritz. „Sind Sie übers Wasser angereist?“
Piet strahlte.
„Ja. Ganz persönlich.“
Später saßen alle unter der Weide und aßen Beeren. Piet war müde bis in die Stachelspitzen.
„Morgen wieder?“, fragte Mimi.
Piet überlegte.
„Vielleicht. Aber zuerst gucken.“
„Abgemacht“, sagte Bruno.
Piet streckte seine Füße in die Sonne.
„Gut gemacht“, flüsterte er ihnen zu.
Und diesmal wackelten seine Zehen, als wollten sie antworten.
Zum Weiterdenken
Was hat Piet geholfen, als sein Bauch einen Knoten machte? Welchen kleinen Schritt würdest du ausprobieren, wenn du vor etwas Neuem Angst hast? Wer könnte dabei an deiner Seite bleiben?