Geschichten · Kurze Kindergeschichten
Piet und die erste Schneeflocke
Piet Igel will unbedingt den ersten Schnee sehen, bevor er Winterschlaf hält.
Piet Igel saß vor seinem Blätterhaus und schaute in den Himmel. Über dem Freche-Maus-Wald hing eine dicke, graue Wolkendecke. Der Wind roch nach kalter Erde. An einem Zweig zitterte das letzte gelbe Blatt.
„Na?“, fragte Piet. „Kommt da noch etwas?“
Das Blatt löste sich und segelte auf seine Nase.
„Dich habe ich nicht gemeint.“
Piet schob es vorsichtig herunter. Er wartete auf Schnee. Nicht auf einen ganzen Berg. Nicht einmal auf eine weiße Wiese. Eine einzige Schneeflocke würde reichen.
Aber die wollte er unbedingt sehen, bevor er sich zum Winterschlaf einkuschelte.
Leider wurden seine Augen schon beim Warten schwer.
Ein Wunsch mit müden Augen
„Du guckst, als wäre dir eine Nuss auf den Kopf gefallen“, sagte Mimi Maus.
Sie stand plötzlich neben ihm. Ihre Schnurrhaare wippten.
„Ich bin müde“, antwortete Piet. „Aber ich möchte die erste Schneeflocke sehen.“
Mimi blickte nach oben.
„Dann müssen wir eben gut aufpassen.“
„Das mache ich seit gestern.“
„Ganz allein? Piet! Dafür braucht man doch eine Schneeflockenmannschaft!“
Und schon flitzte sie los.
Wenig später kam Emma Eichhörnchen den Baum heruntergesaust. Fritz Fuchs schlenderte hinter Mimi her. Bruno Bär brachte eine große Pfote voll trockener Blätter mit.
„Für deinen Hauseingang“, brummte er. „Da zieht es.“
Er schob die Blätter an Piets Tür und setzte sich daneben. Es machte leise raschelraschel.
„Also“, sagte Mimi. „Wir suchen den ersten Schnee.“
„Oben im Baum sehe ich ihn bestimmt zuerst!“, rief Emma.
„Oder er landet auf meiner Nasenspitze“, sagte Fritz. „Die ist schließlich besonders sehenswert.“
Piet lächelte. Dann gähnte er so ausgiebig, dass Mimi ebenfalls gähnen musste.
„Du kannst dich ein bisschen hinlegen“, schlug Bruno vor. „Wir schauen für dich.“
Piet schüttelte den Kopf.
„Was, wenn die Flocke schmilzt, bevor ich sie sehe?“
Darauf wusste zunächst niemand eine Antwort.
Emma kratzte sich am Ohr.
„Wir könnten sie bitten, kurz zu warten.“
„Sehr höflich“, sagte Fritz. „Ob Schneeflocken Ohren haben?“
Mimi zog einen kleinen Ast heran.
„Erst bauen wir einen gemütlichen Warteplatz. Mit Aussicht!“
Die Schneeflockenmannschaft
Unter der alten Buche entstand ein weiches Blätternest. Bruno legte einen dicken Ast daneben. Er hielt den Wind ein wenig ab. Emma stopfte trockenes Moos in eine Lücke. Mimi suchte die knisterigsten Blätter aus.
Piet rollte sich hinein. Nur seine Nase und seine Augen schauten hervor.
„So ist Warten besser“, murmelte er.
Emma kletterte auf ihren Beobachtungsast.
„Von hier sehe ich bis zur großen Lichtung!“
Fritz spazierte zum Bach. Dort glänzte ein dünner Eissaum zwischen den Steinen.
„Der Bach hat sich ein Fenster gemacht“, sagte er.
Piet hob den Kopf.
„Ist schon Schnee darauf?“
„Nein. Nur Eis. Ganz glatt.“
Mimi untersuchte inzwischen jedes helle Pünktchen auf dem Waldboden.
„Hier!“
Alle schauten zu ihr.
Sie hielt etwas Weißes hoch.
Es war eine winzige Feder.
„Eine Schneeflocke mit Stiel“, erklärte sie.
Fritz kicherte.
Bald darauf rief Emma: „Da fliegt etwas!“
Ein heller Krümel tanzte durch die Luft. Mimi hüpfte hinterher. Fritz streckte seine Nase aus. Bruno hielt die Pfote auf.
Der Krümel landete auf einem Baumstumpf.
Piet betrachtete ihn lange.
„Birkenrinde“, sagte er schließlich.
„Eine Schneeflocke aus Holz“, meinte Mimi.
Nun musste sogar Piet lachen.
Die Wolken zogen langsam weiter. Manchmal fiel feiner Regen. Er hing als klare Tropfen an den Zweigen. Ein Tropfen wurde so dick, dass der Zweig sich bog.
Plipp.
Er landete direkt auf Fritz’ Nase.
„Zu nass“, stellte Fritz fest. „Und überhaupt nicht flauschig.“
Piet kuschelte sich tiefer in die Blätter.
„Schnee beginnt auch in einer Wolke“, sagte er schläfrig. „Wenn es dort kalt genug ist, können winzige Eiskristalle wachsen.“
„Wie Blumen?“, fragte Emma.
„Ein bisschen. Nur aus Eis.“
Mimi betrachtete die Wolkendecke mit neuem Interesse.
„Dann ist da oben vielleicht gerade ein ganzer Eisgarten.“
Eine Weile waren alle still.
Sie hörten den Bach glucksen. Ein Specht klopfte weit hinten im Wald. Über ihnen wackelten kahle Zweige.
Piets Augen fielen zu.
Dann öffnete er sie hastig wieder.
„Noch nichts?“
Bruno schüttelte sanft den Kopf.
„Noch nichts.“
Ein Stern auf dunklem Laub
Am Nachmittag wurde der Wald stiller. Selbst der Wind machte eine Pause.
Piet konnte kaum noch die Nase aus dem Nest heben.
„Vielleicht schaffe ich es nicht“, flüsterte er.
Mimi setzte sich dicht neben ihn.
„Dein Bett ist ja gleich da.“
„Ich weiß.“
Piet schaute zu seinem Blätterhaus. Drinnen hatte er alles vorbereitet. Es war trocken, weich und genau richtig für einen sehr langen Schlaf.
„Ich wollte nur einmal wissen, wie die allererste Flocke aussieht.“
Fritz legte den Kopf schief.
„Vielleicht wie die zweite. Nur ein bisschen früher.“
Piet lächelte müde.
Bruno rückte näher.
„Wir bleiben noch einen Moment bei dir.“
Emma kam vom Baum herunter. Sie setzte sich auf den dicken Ast. Niemand rief mehr. Niemand suchte nach weißen Krümeln.
Gemeinsam schauten sie in die graue Luft.
Da streifte etwas Mimis Ohr.
Sie zuckte.
Ein winziges weißes Ding schwebte an ihrer Nase vorbei.
Mimi holte tief Luft. Doch statt laut zu rufen, flüsterte sie:
„Piet.“
Er öffnete ein Auge.
„Da.“
Die Flocke sank langsam hinunter. Sie schaukelte nach links. Dann nach rechts. Schließlich landete sie auf einem dunklen Buchenblatt neben Piets Nest.
Piet beugte sich vor.
Auf dem Blatt lag ein kleiner Stern.
Er hatte feine Arme. Viel feiner als die dünnsten Zweige. In der Mitte glitzerte er.
„Oh“, sagte Piet.
Mehr sagte er nicht.
Mimi hielt den Atem an. Emma blieb ganz still. Sogar Fritz machte keinen Witz.
Bruno lächelte.
Der Stern wurde durchsichtig. Seine feinen Spitzen verschwanden. Bald lag nur noch ein runder Tropfen auf dem Blatt.
Piet blinzelte.
„Ich habe ihn gesehen.“
Über ihnen schwebte eine zweite Flocke.
Dann eine dritte.
Eine blieb auf Brunos Fell sitzen. Eine verfing sich in Emmas buschigem Schwanz. Fritz schielte auf seine Nase, aber dort landete keine.
„Wählerischer Schnee“, murmelte er.
Piet lachte leise. Dann gähnte er.
Mimi begleitete ihn bis zum Blätterhaus.
„Soll ich dir im Frühling erzählen, wie viel Schnee es gab?“
„Ja, bitte“, sagte Piet. „Aber nicht jetzt.“
Er kroch hinein und drehte sich einmal in seinem weichen Bett.
Draußen raschelten die Blätter, als Bruno den Eingang noch ein wenig schützte.
„Schlaf gut, Piet“, flüsterten seine Freunde.
Piet hatte die Augen schon geschlossen.
Vor seiner Nase schwebte in Gedanken noch immer ein winziger Stern.
Zum Weiterdenken
Wie stellst du dir eine Schneeflocke aus der Nähe vor? Welche Zeichen des Winters hast du draußen schon entdeckt? Was könntest du mit Freunden tun, damit sich langes Warten gemütlicher anfühlt?