Geschichten · Gute-Nacht-Geschichten

Bruno hat Angst im Dunkeln

Der große Bruno Bär fürchtet sich vor der Nacht – bis Mimi eine Idee hat.

  • Veröffentlicht: 14.12.2025
  • Alter: 3–6 Jahre
  • 6 Minuten Vorlesezeit
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Als die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwand, wurde Bruno Bär plötzlich sehr beschäftigt. Er rückte seinen Sessel zurecht. Er stapelte drei Kissen übereinander. Dann zog er die Vorhänge zu, obwohl draußen der Abendhimmel noch rosa leuchtete.

„So“, murmelte er. „Alles an seinem Platz.“

Es klopfte.

Vor der Tür stand Mimi Maus. Sie trug einen viel zu großen Rucksack und hatte einen Grashalm hinter dem Ohr.

„Kommst du mit?“, fragte sie. „Wir machen ein Abendpicknick auf der Sternenwiese! Emma bringt Haselnüsse. Piet bringt Birnen. Fritz bringt angeblich einen besonders guten Witz.“

Bruno hielt die Türklinke fest.

„Heute geht es nicht“, sagte er. „Ich muss meine Löffel zählen.“

Mimi blinzelte. „Schon wieder?“

„Löffel sind flinke Dinger.“

Aus der Küche fiel ein letzter Sonnenstrahl auf Brunos Honigtopf. Bruno schaute ihm nach, bis er verschwunden war.

Mimi bemerkte es.

„Bruno“, fragte sie leise, „magst du den Abend nicht?“

Der große Bär sah auf seine großen Tatzen.

„Den Abend schon“, sagte er. „Aber danach kommt die Nacht.“

Ein Geheimnis auf Bärengröße

Mimi setzte sich auf die Türschwelle.

„Was ist denn nachts anders?“

Bruno ließ sich neben ihr nieder. Die Schwelle knarrte gemütlich.

„Ich sehe nicht mehr richtig, was um mich herum ist“, erklärte er. „Mein Mantel sieht plötzlich nicht mehr nach meinem Mantel aus. Und jedes Geräusch klingt größer.“

„Auch mein Niesen?“

„Besonders dein Niesen.“

Mimi zog die Nase kraus. „Hatschi!“

Bruno musste lachen. Aber nur kurz.

„Alle denken, ein großer Bär hat keine Angst“, sagte er.

Mimi betrachtete seine Tatzen, seinen runden Bauch und seine kleine, glänzende Nase.

„Passt denn in einen großen Bären nicht auch eine große Angst?“

Bruno dachte nach. „Vielleicht.“

Eine Weile saßen sie still. Zwischen den Wurzeln zirpte eine Grille. Aus Brunos Küche roch es nach warmem Apfelbrot.

Dann sprang Mimi auf.

„Ich habe eine Idee! Wir gehen nicht gleich zur Sternenwiese.“

Bruno atmete auf.

„Wir gehen erst bis zu deinem Gartentor.“

Bruno hielt die Luft wieder an.

„Und wenn ich dort umkehren möchte?“

„Dann kehren wir um.“

„Auch wenn wir gerade erst losgegangen sind?“

„Auch dann.“

Mimi streckte ihm ihre winzige Pfote hin. Bruno legte vorsichtig einen Finger hinein.

„Aber zuerst“, sagte Mimi, „brauchen wir etwas Apfelbrot. Kleine Schritte machen nämlich großen Hunger.“

Das verstand Bruno sofort.

Drei Schritte bis zum Gartentor

Bald kamen Piet Igel, Emma Eichhörnchen und Fritz Fuchs den Weg entlang. Mimi hatte ihnen vom Gartentor aus zugewinkt.

Emma balancierte ihren Nusskorb auf dem Kopf.

„Findet das Picknick jetzt hier statt?“

„Vielleicht“, sagte Mimi. „Wir probieren erst einen kleinen Nachtspaziergang.“

Bruno zupfte an seinem Schal.

„Ich habe ein bisschen Angst“, sagte er. Dann schüttelte er den Kopf. „Eigentlich ziemlich viel.“

Piet nickte. „Gut, dass du es sagst.“

Fritz hob seinen Korb. „Dann muss niemand raten, warum du deine Löffel zählst.“

„Woher weißt du das?“, fragte Bruno.

„Letzte Woche waren es die Gabeln.“

Bruno brummte ein kleines Lachen.

Piet brachte eine Laterne aus Brunos Küche. Ihr warmes Licht malte einen gelben Kreis auf den Weg.

„Du kannst sie tragen“, sagte er.

Bruno nahm die Laterne. Dann setzte er eine Tatze vor die andere.

Eins.

Zwei.

Drei.

Am Gartentor blieb er stehen.

„Da wären wir“, sagte Mimi.

Bruno schaute zurück. Seine offene Haustür war ganz nah. Das machte seinen Bauch ein wenig lockerer.

Da raschelte es neben dem Zaun.

Bruno zuckte zusammen. Die Laterne wackelte.

„Was war das?“

Alle lauschten.

Raschel. Knister. Raschel.

Emma beugte sich über den Zaun. „Ein trockenes Blatt. Es hängt am Himbeerzweig.“

Der Wind schob das Blatt über ein anderes. Wieder raschelte es.

Bruno hob die Laterne.

„So ein kleines Blatt macht so ein großes Geräusch?“

„Es übt wohl fürs Waldkonzert“, sagte Fritz.

Mimi raschelte mit einer Papiertüte.

„Ich spiele mit!“

Emma klopfte zwei Nüsse gegeneinander. Piet summte. Fritz pustete über eine leere Flasche.

Bruno hörte zu. Dann trommelte er mit einem Finger auf seinen Brotkorb.

Bumm.

Alle schauten ihn an.

„Die große Trommel“, sagte Bruno.

Ein Stückchen Nacht im Honigglas

Hinter dem Gartentor lag der Weg zur alten Birke. Ihre helle Rinde schimmerte zwischen den dunkleren Stämmen.

„Bis dorthin vielleicht“, sagte Bruno.

Diesmal ging er von selbst los.

Mimi blieb dicht neben seiner Tatze. Emma hüpfte nicht voraus, obwohl ihre Füße schon ganz zappelig waren. Piet ging ruhig hinterher. Fritz trug das Apfelbrot und schnupperte gelegentlich daran.

Unter der Birke stellten sie die Körbe ab.

Bruno blickte in die Baumkrone. Zwischen den Blättern funkelte ein Stern.

„Den sieht man von meinem Sessel aus gar nicht“, sagte er.

„Hier gibt es sogar mehrere“, erwiderte Mimi. „Sehr großzügig, dieser Himmel.“

Sie breitete eine kleine Decke aus. Für Bruno reichte sie gerade unter eine Tatze. Emma legte ihre daneben. Fritz steuerte sein Halstuch bei.

So entstand ein ziemlich schiefes Picknickplätzchen.

Während sie aßen, wurde es ringsum dunkler. Bruno rückte näher an die Laterne.

„Die Angst ist noch da“, flüsterte er Mimi zu.

„Möchtest du heim?“

Bruno kaute langsam. Er sah die Birke an, dann seine Freunde.

„Noch nicht.“

Piet zog ein leeres Honigglas aus dem Korb.

„Darin waren die Birnenstücke.“

Mimi nahm es und hielt es hoch. Durch das Glas sah der Stern ein wenig krumm aus.

„Bruno, schau! Ein Nachtguckglas!“

Bruno blickte hindurch. Er sah den Stern. Ein Blatt. Emmas Ohr.

„Da ist ein Eichhörnchen im Himmel“, stellte er fest.

Emma wackelte mit dem Ohr.

Bruno lachte so tief, dass Mimi das Brummen durch die Decke spürte.

Später gingen sie gemeinsam zurück. Einmal blieb Bruno stehen, weil etwas knackte. Piet zeigte auf einen Zweig unter seiner eigenen Pfote.

„Der war ich.“

„Ein ziemlich lauter Igel“, sagte Bruno.

Zu Hause stellte er die Laterne ans Fenster. Die Vorhänge ließ er einen Spalt offen.

„Morgen könnten wir wieder bis zur Birke gehen“, sagte er.

„Oder bis zum Gartentor“, antwortete Mimi.

Bruno nickte. Dann gähnte er.

Auf seinem Nachttisch stand das leere Honigglas. Durch das Fenster fiel ein winziger Sternenschimmer hinein.

Bruno kuschelte sich unter seine Decke.

„Gute Nacht, krummer Stern“, murmelte er.

Zum Weiterdenken

Was hat Bruno geholfen, einen ersten Schritt nach draußen zu machen? Wer dürfte dich begleiten, wenn du dich etwas noch nicht traust? Welches vertraute Geräusch würdest du gern einmal mit geschlossenen Augen hören?

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