Geschichten · Gute-Nacht-Geschichten
Die Nacht der tausend Glühwürmchen
Die Freunde beobachten Glühwürmchen und lernen über die Natur.
Mimi Maus saß vor ihrem Mauseloch und putzte sich die Schnurrhaare. Der Abend legte eine blaue Decke über den Freche-Maus-Wald. Zwischen den Bäumen hing noch ein letzter Streifen Sonnenlicht.
Da blinkte etwas im Gras.
Mimi hielt mitten im Putzen inne.
„Hallo?“, flüsterte sie.
Das Licht verschwand.
Mimi beugte sich vor. Gleich neben einem Kleeblatt leuchtete es wieder. Klein und grünlich, wie ein winziger Stern, der sich im Wald verirrt hatte.
„Oh!“, rief Mimi. „Du brauchst bestimmt eine Leiter zurück zum Himmel!“
„Ich glaube nicht“, sagte eine ruhige Stimme hinter ihr.
Piet Igel kam unter dem Farn hervor. Auf seinem Kopf lag ein trockenes Blatt.
„Das ist ein Glühwürmchen.“
Mimi staunte. „Ein Würmchen mit einer Lampe? Davon müssen die anderen erfahren!“
Kleine Lichter im großen Wald
Bald standen alle fünf Freunde am Wiesenrand. Emma Eichhörnchen war den ganzen Weg über Wurzeln gehüpft. Fritz Fuchs trug eine Laterne. Bruno Bär hatte eine Decke und einen Korb mit Brombeeren mitgebracht.
„Für lange Beobachtungen“, erklärte Bruno. „Mein Bauch schaut nämlich gern mit.“
Mimi zeigte auf das Gras.
„Da war es! Genau neben diesem Blatt. Oder neben dem anderen. Jedenfalls neben einem sehr grünen.“
Fritz hob seine Laterne.
„Dann suchen wir den kleinen Lampenträger.“
Doch obwohl alle schauten, entdeckten sie nichts.
Piet legte den Kopf schief. „Vielleicht ist unsere Laterne zu hell. Glühwürmchen sehen wir besser, wenn es dunkel ist. Und helles Licht kann sie stören.“
Fritz löschte die Laterne.
Zuerst sah Mimi nur Schatten. Dann erkannte sie wieder die Halme. Ein Gänseblümchen hatte seine Blüten geschlossen. Über ihnen rauschten leise die Blätter.
Und plötzlich leuchtete es.
„Da!“, hauchte Emma.
Ein Licht schwebte über dem Gras. Weiter hinten blinkte noch eines auf. Und noch eines.
Bruno setzte sich ganz langsam auf die Decke.
„Der Wald hat seine Sternentasche ausgeschüttelt.“
Mimi wollte sofort hinterherlaufen. Doch vor ihrer Pfote saß ein leuchtendes Tierchen auf einem Halm. Sie blieb stehen und ging in die Hocke.
„Du bist ja wirklich winzig“, sagte sie. „Wie passt denn eine Kerze in deinen Bauch?“
Piet lächelte.
„Gar keine. Glühwürmchen können in ihrem Körper selbst Licht machen. Dabei entsteht fast keine Wärme.“
„Also verbrennen sie sich nicht den Po?“, fragte Mimi.
„Nein.“
„Sehr praktisch“, fand Fritz. „Das wäre sonst ein ziemlich anstrengender Abend.“
Wer leuchtet denn da?
Emma legte sich bäuchlings auf die Decke. Ihr buschiger Schwanz ragte wie ein Fragezeichen nach oben.
„Warum machen sie Licht? Damit sie nachts ihre Schuhe finden?“
„Glühwürmchen tragen keine Schuhe“, sagte Mimi.
„Vielleicht sehr kleine.“
Piet lachte leise.
„Mit ihrem Licht finden sie einander. Vor allem Männchen und Weibchen. Bei vielen Arten fliegen die Männchen umher, während die Weibchen im Gras sitzen und leuchten.“
Mimi betrachtete das Tierchen auf dem Halm.
„Dann sagst du gerade: Hier bin ich?“
Das Glühwürmchen leuchtete weiter.
„Es hat geantwortet“, flüsterte sie zufrieden.
Fritz legte sich neben Emma.
„Und warum heißt es Würmchen? Das fliegende da sieht eher wie ein Käfer aus.“
„Es ist auch ein Käfer“, erklärte Piet. „Glühwürmchen gehören zu den Käfern. Manche Weibchen haben keine Flügel. Sie sehen ein bisschen wie kleine Würmer aus.“
Bruno brummte nachdenklich.
„Ein Käfer, der Würmchen heißt und wie ein Stern aussieht. Die Natur denkt sich lustige Sachen aus.“
Über der Wiese tanzten immer mehr Lichter. Manche zogen kleine Bögen. Andere blieben tief zwischen den Halmen sitzen.
Emma begann zu zählen.
„Eins, zwei, drei, vier … oh, das hatte ich schon. Fünf, sechs … halt, nicht wegfliegen!“
Fritz versuchte es ebenfalls.
„Ich komme auf siebenundzwanzig und einen sehr hellen Tautropfen.“
„Tausend“, sagte Mimi bestimmt.
Piet schaute über die Wiese. „Vielleicht nicht ganz.“
Mimi breitete die Arme aus. „Für meine Augen sind es tausend.“
Da widersprach niemand.
Eine Weile hörten sie nur das Zirpen der Grillen. Irgendwo tropfte Wasser von einem Blatt. Bruno reichte den Korb herum, und die Brombeeren schmeckten süß und ein bisschen nach Sommerregen.
Ein Platz für die Nacht
Nach einer Weile entdeckte Mimi ein Glühwürmchen neben einem flachen Stein. Es leuchtete so nah, dass sie jede kleine Bewegung sehen konnte.
„Ich würde dich gern mit nach Hause nehmen“, flüsterte sie. „Du könntest neben meinem Bett sitzen.“
Sie stellte sich vor, wie gemütlich ihr Mauseloch mit einem winzigen grünen Licht wäre.
Dann sah sie hinaus zur Wiese. Überall leuchteten andere Glühwürmchen.
„Aber dann weiß niemand mehr, wo du bist.“
Mimi schob nur einen Halm vorsichtig zur Seite, der ihr die Sicht versperrte, und setzte sich daneben.
Emma huschte zum Wegrand.
„Hier ist noch eins! Unter den alten Blättern! Sollen wir ein bisschen aufräumen, damit es mehr Platz hat?“
Piet schüttelte den Kopf.
„Lieber nicht. Unter Blättern bleibt die Erde feucht. Dort können kleine Tiere sich verstecken. Auch junge Glühwürmchen leben gern an solchen Stellen.“
Emma ließ das Blatt liegen.
„Dann ist das gar keine Unordnung. Das sind Wohnungen.“
„Mit Blätterdächern“, ergänzte Bruno.
Fritz betrachtete einen morschen Ast.
„Und manche haben sogar einen langen Flur.“
Mimi gähnte. Der Mond stand inzwischen über den Baumwipfeln. Seine helle Sichel erinnerte sie an ein Stück Apfel.
„Glaubt ihr, sie sind morgen wieder da?“
„Vielleicht“, sagte Piet. „Glühwürmchen sieht man nur zu bestimmten Zeiten im Jahr. Und auch nicht bei jedem Wetter.“
„Dann war heute ein guter Abend fürs Draußensein“, murmelte Bruno.
Sie blieben noch, bis Emma den Kopf an Brunos weichen Arm lehnte und Fritz zum dritten Mal gähnte. Dann falteten sie die Decke zusammen. Die Laterne ließen sie aus. Auf dem breiten Weg half ihnen das Mondlicht.
Mimi ging zuletzt. Am Wiesenrand drehte sie sich noch einmal um.
Ein winziges Licht leuchtete zwischen zwei Halmen.
Mimi hob die Pfote.
„Gute Nacht, kleiner Käferstern. Du brauchst wirklich keine Leiter.“
Dann tappte sie ihren Freunden hinterher. In ihrem Mauseloch war es später ganz dunkel. Doch als Mimi die Augen schloss, sah sie die Wiese noch immer leuchten.
Zum Weiterdenken
Habt ihr schon einmal Glühwürmchen oder andere kleine Tiere am Abend entdeckt? Was könntet ihr im Dunkeln hören, wenn ihr ganz still seid? Wo finden kleine Tiere bei euch einen ungestörten Platz?