Geschichten · Lerngeschichten
Das Frühlingsfest im Wald
Alle bereiten ein Fest vor, doch der Regen macht Pläne kaputt.
Mimi Maus steckte ihre Nase aus dem Mauseloch. Es roch nach feuchter Erde, jungen Blättern und etwas ganz Besonderem.
„Frühling!“, rief sie. „Und Frühling riecht nach einem Fest!“
Über ihr saß Emma Eichhörnchen auf einem Ast. Sie ließ ihren buschigen Schwanz baumeln.
„Für mich riecht er nach Frühstück.“
„Dann machen wir ein Fest mit Frühstück“, sagte Mimi. „Und Kuchen. Und Spielen. Und allen!“
Emma war schon unterwegs, bevor Mimi ihren Satz beendet hatte. Bald wusste es der ganze Freche-Maus-Wald: Auf der großen Lichtung sollte ein Frühlingsfest stattfinden.
Überall wird gewerkelt
Bruno Bär brachte einen langen Tisch. Er trug ihn so vorsichtig, als wäre er ein schlafendes Bärenbaby.
„Hierhin?“, fragte er.
„Ein bisschen nach links“, sagte Mimi.
Bruno rückte den Tisch nach links.
„Jetzt ein bisschen nach rechts.“
Bruno rückte ihn nach rechts.
Piet Igel lächelte. „Vielleicht bleibt Bruno stehen und wir rücken einfach die Lichtung.“
Mimi kicherte. „Gut. Genau dort ist es richtig.“
Emma zog eine Schnur von Baum zu Baum. Daran hingen bunte Blüten aus dünner Birkenrinde. Manche waren gelb bemalt, andere blau oder rot.
„Die tanzen sogar ohne Musik!“, rief sie, als der Wind daran zupfte.
Piet legte ein Muster aus glatten Kieseln auf den Boden. Es sollte der Weg zum Festplatz werden.
„Damit auch jeder das Fest findet“, erklärte er.
Fritz Fuchs stellte kleine Töpfchen auf einen Baumstumpf.
„Mein berühmtes Beerendessert“, verkündete er.
Mimi schnupperte. „Seit wann ist es berühmt?“
„Seit gerade eben. Ich habe es laut genug gesagt.“
Bruno lachte so gemütlich, dass sein Bauch wackelte. Dann holte er einen großen Korb voller Honigbrötchen.
Mimi hatte sich etwas besonders Schönes ausgedacht: einen Frühlingsbogen aus Zweigen. Jeder Gast sollte darunter hindurchgehen. Sie band Gänseblümchen daran und steckte frische Blätter zwischen die Äste.
„Das wird das allerbeste Fest“, sagte sie.
Piet sah zum Himmel. Hinter den Baumwipfeln schob sich eine graue Wolke hervor.
„Vielleicht sollten wir ein Dach überlegen.“
„Ach“, sagte Mimi. „Die Wolke will bestimmt nur zugucken.“
Da fiel ein Tropfen auf ihre Nase.
Plitsch, platsch, alles nass
Erst kamen drei Tropfen. Dann dreißig. Dann waren es viel zu viele zum Zählen.
„Meine Blüten!“, rief Emma.
Die bunten Rindenblüten klebten aneinander. Rote und blaue Farbe tropfte ins Gras.
Fritz schnappte seine Desserttöpfchen. Bruno hob den Brötchenkorb unter seinen dicken Bauch. Piet versuchte, die Servietten einzusammeln. Doch der Wind war schneller.
Eine gelbe Serviette flatterte Mimi direkt ins Gesicht.
„Ich sehe nur noch Sonnenschein!“, piepste sie darunter.
Fritz zog sie ihr von der Nase. „Leider ein sehr nasser Sonnenschein.“
Dann sackte Mimis Frühlingsbogen zusammen. Die weiche Erde hielt die Zweige nicht mehr fest. Langsam kippte er ins Gras.
Mimi blieb ganz still.
Der Regen trommelte auf den Tisch. Piets Kieselweg verschwand unter einer braunen Pfütze. Auf der Lichtung gab es keinen trockenen Platz mehr.
„Kommt!“, brummte Bruno. „Zu mir!“
Seine Höhle lag ganz in der Nähe. Sie war hell und geräumig, mit einer breiten Tür und einem runden Fenster. Einer nach dem anderen schlüpfte hinein.
Emma schüttelte ihren Schwanz.
„Huch!“, sagte Fritz. „Ein zweiter Regenschauer.“
Sonst hätte Mimi gelacht. Jetzt setzte sie sich auf einen kleinen Hocker. Von ihren Ohren tropfte Wasser.
Bruno legte ihr ein weiches Tuch um die Schultern.
„Mein Bogen ist kaputt“, murmelte sie. „Der Festplatz schwimmt. Und alles sollte doch so schön werden.“
Eine Weile sagte niemand etwas.
Draußen rauschte der Regen.
Dann schob Piet seinen Hocker neben ihren.
„Ja“, sagte er leise. „Das war wirklich schön geplant.“
Mimi zog das Tuch bis ans Kinn.
„Ich wollte mit euch unter den Blumen tanzen.“
Emma setzte sich auf die andere Seite. „Ich auch.“
Fritz stellte ein Desserttöpfchen vor Mimi hin.
„Für traurige Mäuse gibt es die erste Portion. Das habe ich gerade beschlossen.“
Mimi nahm einen kleinen Löffel. Die Beeren schmeckten süß. Trotzdem fühlte sich in ihrem Bauch noch alles ein bisschen grau an.
Ein Fest mit Regentrommeln
Bruno betrachtete seine Höhle. Auf dem Boden lagen drei Kissen. An der Wand stand eine Bank. Über dem Ofen trockneten Kräuter.
„Zum Tanzen müssten wir nur die Bank verschieben“, sagte er.
Mimi hob den Kopf.
Emma sprang auf. „Und die Kissen werden unsere Blumenwiese!“
„Moment“, sagte Mimi. „Ein Fest hier drin?“
Fritz sah sich um. „Ich sehe Freunde. Ich sehe Brötchen. Ich sehe meinen berühmten Nachtisch. Das sieht verdächtig nach einem Fest aus.“
Mimis Mundwinkel zuckten.
„Aber wir haben keine Girlande.“
Emma zog die nasse Schnur aus ihrem Korb. Die Rindenblüten waren krumm und fleckig geworden.
„Dann hängen wir sie über den Ofen. Vielleicht werden sie wieder trocken.“
Piet hielt eine Blüte hoch. Die Farben waren ineinandergelaufen.
„Die sieht aus wie ein Schmetterling.“
„Und die wie ein Klecksmonster mit Schnupfen“, sagte Fritz.
Jetzt musste Mimi lachen.
Gemeinsam schoben sie die Bank an die Wand. Bruno stellte Becher auf einen niedrigen Tisch. Piet verteilte die trockenen Servietten. Emma hängte die Girlande auf.
Mimi betrachtete die leere Tür.
„Wartet mal.“
Unter dem Vordach lagen einige Zweige für Brunos Ofen. Mimi suchte zwei besonders krumme heraus. Bruno hielt sie fest, während sie sie zusammenband.
Emma steckte eine trockene Rindenblüte daran.
So entstand ein kleiner, schiefer Bogen.
„Nicht ganz wie geplant“, sagte Mimi.
„Nein“, sagte Piet. „Dieser hier hat ein Dach.“
Bald kamen die ersten Gäste. Die Kaninchen tupften ihre Pfoten ab. Frau Amsel brachte ein Lied mit. Zwei kleine Haselmäuse trugen zusammen einen Apfel.
Alle gingen unter Mimis Bogen hindurch. Bruno musste sich dafür sehr tief bücken.
„Jetzt bin ich ein Faltbär“, brummte er.
Die kleinen Haselmäuse kicherten.
Draußen trommelte der Regen aufs Vordach. Drinnen klopfte Piet mit zwei Löffeln im gleichen Takt.
Plitsch-platsch, klack-klack.
Emma hüpfte dazu. Fritz erfand einen Regentanz, bei dem man abwechselnd ein Bein schütteln musste. Mimi drehte sich so schnell, dass ihr Tuch wie ein kleiner Umhang flatterte.
Später saßen alle dicht beieinander. Es duftete nach warmen Brötchen und Kräutertee.
Mimi lehnte sich an Brunos weichen Arm.
„Weißt du was?“, flüsterte sie.
„Hm?“
„Morgen stellen wir den großen Bogen wieder auf.“
Bruno nickte.
„Und heute?“
Mimi lauschte dem Regen und griff nach einem Brötchen.
„Heute bleiben wir noch ein bisschen hier.“
Zum Weiterdenken
Was hat Mimi geholfen, als sie traurig war? Welches Spiel würdet ihr bei einem verregneten Fest spielen? Was würdet ihr mit euren Freunden in Brunos Höhle machen?