Geschichten · Lerngeschichten
Die verschwundene Schultüte
Am ersten Schultag ist die Schultüte weg – eine Spurensuche.
Mimi Maus stand vor ihrem Spiegel und wackelte mit den Ohren. Auf ihrem Rücken saß ein neuer Schulranzen. Er war rot wie eine reife Erdbeere und roch nach frischem Stoff.
„Heute lerne ich alles!“, verkündete Mimi.
Draußen klopfte es dreimal an die Tür.
„Alles an einem Tag?“, fragte Piet Igel, der auf der Schwelle wartete. „Dann brauchst du aber ein großes Frühstück.“
Mimi kicherte. Schnell biss sie noch einmal in ihr Käsebrot. Dann flitzte sie zur Bank unter dem Fenster. Dort hatte sie gestern ihre Schultüte hingelegt. Gelb war sie, mit blauen Sternen und einer dicken grünen Schleife.
Doch auf der Bank lag nur ein Kissen.
Mimi blinzelte.
Sie hob das Kissen hoch.
Sie guckte darunter.
„Piet“, piepste sie, „meine Schultüte ist verschwunden!“
Eine winzige blaue Spur
Piet stellte seinen Ranzen ab.
„Wo hast du sie zuletzt gesehen?“
„Genau hier! Ich habe ihr sogar gute Nacht gesagt.“
„Und heute Morgen?“
Mimi knetete ihre Pfoten. „Da habe ich meine Schuhe gesucht. Und mein Brot. Und die Schule fängt doch gleich an!“
Piet schaute auf die Bank, unter die Bank und hinter den Vorhang.
„Wir suchen nicht überall gleichzeitig“, sagte er. „Erst hier. Dann draußen.“
Mimi atmete tief durch. Das konnte sie. Ein Ort nach dem anderen.
Unter der Bank entdeckte sie einen kleinen blauen Stern.
„Von meiner Tüte!“, rief sie.
Piet betrachtete ihn. An einer Ecke klebte noch ein winziger Rest Kleister.
„Das ist eine Spur.“
Mimi steckte den Stern vorsichtig in ihre Ranzentasche.
Vor der offenen Gartentür lag ein zweiter Stern. Und auf dem Weg zum Zaun glitzerte ein dritter.
„Sie ist spazieren gegangen“, murmelte Mimi. „Ohne mich. Ganz schön frech.“
Vom Haselstrauch kam ein Rascheln. Emma Eichhörnchen hing kopfüber an einem Ast.
„Wer ist frech?“
„Meine Schultüte.“
„Das möchte ich sehen!“
Emma sprang herunter. Als sie von der verschwundenen Tüte hörte, wurde sie ganz still. Jedenfalls für drei Atemzüge.
Dann zeigte sie zum Zaun.
„Da hängt etwas Grünes!“
Eine kurze Schnur hatte sich im Holz verfangen.
Mimi hielt sie hoch. „Meine Schleife! Bestimmt hat jemand meine Tüte mitgenommen.“
„Vielleicht“, sagte Piet. „Aber zuerst schauen wir genau.“
Die Schnur war rau und dünn. Mimis Schleife war weich und breit gewesen.
„Doch nicht meine“, sagte Mimi.
Emma nickte. „Eine Spur kann also auch eine Nichtspur sein.“
„Genau“, sagte Piet.
Mimi steckte die Schnur trotzdem ein. „Vielleicht braucht sie jemand.“
Räder, Sterne und ein Butterbrot
Hinter dem Zaun verliefen zwei schmale Rillen im feuchten Boden.
Mimi ging in die Hocke.
„Eine Riesenschnecke mit zwei Bäuchen?“
„Ein Wagen“, sagte Piet.
Emma lief ein Stück voraus. „Hier liegt noch ein blauer Stern!“
Die Rillen führten durch den Frechen-Maus-Wald. Zwischen den Bäumen schimmerte schon das Dach der kleinen Waldschule. Bald würde dort die Glocke läuten.
Mimi wurde ganz kribbelig.
„Was, wenn ich zu spät komme? Was, wenn alle schon lesen können? Was, wenn meine Tüte jetzt in einem anderen Wald wohnt?“
Piet ging neben ihr her.
„Ich kann auch noch nicht lesen“, sagte er. „Nur meinen Namen.“
„Ich kann ein E“, rief Emma. „Manchmal sieht es aus wie ein Kamm.“
Das beruhigte Mimi ein bisschen.
An der Weggabelung saß Fritz Fuchs auf einem Baumstumpf. Er hielt ein Butterbrot in der Pfote.
„Guten Morgen, ihr schnellen Füße!“
„Hast du einen Wagen gesehen?“, fragte Mimi.
„Allerdings. Mit zwei Rädern und einem sehr gemütlichen Fahrer.“
„Bruno!“, riefen Emma und Mimi gleichzeitig.
Fritz nickte. „Er hat Sachen zur Schule gebracht. Ein Kissen, einen Korb mit Äpfeln und etwas Langes, das aus dem Korb ragte.“
Mimis Ohren stellten sich auf.
„Gelb?“
„Das habe ich nicht gesehen. Ein Tuch lag darüber.“
„Dann war es meine Tüte!“
„Vielleicht“, sagte Piet wieder.
Mimi seufzte. „Dein Vielleicht ist ganz schön geduldig.“
Fritz faltete das Papier von seinem Butterbrot zusammen.
„Ich komme mit. Vier Paar Augen sehen mehr als drei. Und meine sehen besonders hübsch aus.“
Emma prustete.
An der Gabelung teilten sich auch die Spuren. Links verliefen breite Radabdrücke. Rechts waren sie schmal.
„Welcher Weg?“, fragte Fritz.
Mimi betrachtete den Boden. Dann schaute sie zurück.
„Unsere Rillen waren schmal. Also rechts!“
Sie lief los, stoppte aber gleich wieder.
„Erst schauen. Dann flitzen.“
„Eine ausgezeichnete Reihenfolge“, sagte Piet.
Die Tüte hinter dem Vorhang
Als sie die Waldschule erreichten, stand Bruno Bär neben seinem Handwagen. Gerade hob er einen Korb voller Äpfel heraus.
„Bruno!“, rief Mimi. „Hast du meine Schultüte?“
Bruno stellte den Korb ab und kratzte sich am Kopf.
„Deine Schultüte? Nein. Aber ich habe heute Morgen das Lesekissen bei dir abgeholt. Für unsere gemütliche Bücherecke.“
Mimi erinnerte sich. Gestern hatte sie gesagt: „Das große Kissen könnt ihr haben. Es liegt auf der Fensterbank!“
Bruno hatte genickt.
Doch ihre Schultüte hatte ebenfalls dort gelegen.
„Ich war noch in der Küche“, sagte Mimi langsam.
„Und ich habe durch die Gartentür gerufen“, brummte Bruno. „Dann habe ich das Kissen genommen. Darunter lag etwas Gelbes. Ich dachte, das gehört dazu.“
„Wo ist es jetzt?“, fragte Mimi.
„In der Bücherecke!“
Mimi sauste ins Schulhaus. Ihre Freunde folgten ihr.
Hinter einem hellen Vorhang lag das große Kissen. Daneben lehnte etwas Gelbes mit blauen Sternen.
Die grüne Schleife war ein wenig schief.
„Da bist du ja!“
Mimi umarmte ihre Schultüte so fest, dass das Papier leise knisterte.
Bruno schaute um den Vorhang.
„Oh, Mimi. Das tut mir leid.“
„Du konntest ja nicht wissen, dass meine Tüte kein Schulkissen-Zubehör ist“, sagte Mimi.
Sie zog die grüne Schnur aus ihrer Tasche.
„Gehört die vielleicht dir?“
Bruno lachte erleichtert. „Damit binde ich das Tuch auf meinem Wagen fest!“
Da klingelte die Schulglocke.
Die Lehrerin begrüßte alle an der Tür. „Kommt herein! Heute gibt es viel zu entdecken.“
Mimi setzte sich neben Piet. Emma baumelte mit den Beinen.
„Ich habe heute schon gelernt, Spuren zu lesen“, flüsterte Mimi.
„Und ich habe gelernt, vorher unter mein Kissen zu gucken“, brummte Bruno.
Mimi öffnete vorsichtig ihre Schultüte. Obenauf lag ein kleines Heft. Auf der ersten Seite malte sie eine gelbe Tüte. Daneben einen Wagen, vier Freunde und drei blaue Sterne.
Dann schob sie das Heft zu Piet.
„Hilfst du mir, Schultüte zu schreiben?“
Piet lächelte. „Wir können zusammen fragen.“
Zum Weiterdenken
Welche Spur hat Mimi bei der Suche besonders geholfen? Was würdest du gern an deinem ersten Schultag lernen? Wen könntest du fragen, wenn du allein nicht weiterweißt?