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Das Konzert der Eiszapfen

Als es im Winter zu tauen beginnt, lauschen Emma Eichhörnchen und Piet Igel den tropfenden Eiszapfen und erfinden mit ihren Freunden ein Lied dazu.

  • Veröffentlicht: 26.09.2026
  • Alter: 3–6 Jahre
  • 7 Minuten Vorlesezeit
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Emma Eichhörnchen steckte die Nase aus ihrem Kobel.

Etwas kitzelte sie.

Nicht eine Feder. Nicht ein Tannenzweig.

Es war ein Sonnenstrahl.

„Hatschi!“, machte Emma. Dann lachte sie. „Sogar die Sonne kann an der Nase kitzeln!“

Im Freche-Maus-Wald lag noch Schnee. Er saß wie eine weiße Mütze auf den Baumstümpfen. Er lag wie eine dicke Decke zwischen den Wurzeln. Aber heute war er weich geworden.

Von einem Ast fiel ein Tropfen.

Plipp.

Emma spitzte die Ohren.

Noch ein Tropfen fiel.

Plipp.

Und irgendwo antwortete es:

Plopp.

„Wer spricht denn da?“, fragte Emma.

Sie huschte den Stamm hinunter. Unten wartete Piet Igel. Er trug einen warmen Schal und hielt sein Gesicht in die Sonne.

„Guten Morgen“, sagte er.

„Psst!“, flüsterte Emma. „Da unterhalten sich welche.“

Piet lauschte.

Plipp. Plopp. Tick.

„Ich glaube“, sagte er, „der Winter tropft.“

Eine Musik aus Wasser

Emma sprang auf eine dicke Wurzel.

Am Rand einer kleinen Felshöhle hingen Eiszapfen. Lange und kurze. Dünne und dicke. In der Sonne glänzten sie wie durchsichtige Möhren.

Von ihren Spitzen lösten sich Wassertropfen.

Ein Tropfen fiel auf einen flachen Stein.

Tick.

Einer fiel in eine Pfütze.

Plopp.

Ein anderer landete auf einem braunen Blatt.

Plick.

Emma wippte mit dem Schwanz.

„Das klingt ja jedes Mal anders!“

Piet nickte. „Weil die Tropfen auf verschiedene Dinge fallen.“

„Dann ist das Blatt ein Instrument!“

„Heute schon.“

Emma hielt einen Finger hoch, als würde sie ein großes Orchester leiten.

„Bitte noch einmal, liebes Blatt!“

Plick.

„Wunderbar! Und jetzt die Pfütze!“

Eine Weile geschah nichts.

Emma wartete.

Sie wartete noch ein bisschen.

Plopp.

„Die Pfütze ist langsam“, sagte sie.

„Vielleicht lässt sie sich gern Zeit“, meinte Piet.

Emma kicherte. Dann sang sie:

„Plipp und plopp und plick,

der Winter macht Musik!“

Piet summte mit. Ganz leise. Seine Nase wackelte dabei.

„Wir brauchen die anderen“, sagte Emma. „So ein Konzert darf niemand verpassen!“

„Ich bleibe hier und höre weiter zu“, sagte Piet.

Emma sauste los.

Erst zu Mimi Maus. Dann zu Fritz Fuchs. Und schließlich zu Bruno Bär, der gerade ein besonders langes Frühstück beendete.

„Ein Konzert?“, fragte Bruno.

„Mit Eiszapfen!“

Bruno betrachtete sein letztes Stück Brot.

„Dann komme ich wohl besser gleich.“

Er wickelte das Brot ein. Musik hörte er gern. Brot mochte er aber auch.

Jeder bringt einen Klang

Mimi Maus kam in ihrer roten Latzhose angeflitzt. Darüber trug sie eine dicke Jacke. Unter dem Arm klemmte eine leere Walnussschale.

„Ich habe meine Trommel dabei!“

Fritz Fuchs brachte zwei kleine Stöckchen.

„Und ich habe ein sehr dünnes Schlagzeug.“

Klack, klack, machte er.

Bruno trug einen umgedrehten Holzeimer.

„Ist das dein Instrument?“, fragte Emma.

„Vielleicht“, sagte Bruno. „Erst einmal ist es mein Sitzplatz.“

Er setzte sich.

Der Eimer machte: Bumm.

Alle lachten.

„Dein Sitzplatz kann Musik!“, rief Mimi.

Piet zeigte auf einen trockenen Fleck neben der Höhle.

„Hier können wir sitzen und die Zapfen gut sehen. Unter ihnen bleiben wir lieber nicht stehen. Beim Tauen können sie herunterfallen.“

Also breiteten die Freunde ein paar alte Säcke auf dem Boden aus. Bruno rückte seinen Eimer dazu.

Dann lauschten sie.

Tick.

Plopp.

Plick.

Mimi trommelte auf ihre Walnussschale.

Tackatackatack!

Fritz schlug seine Stöckchen zusammen.

Klackeklackeklack!

Bruno klopfte auf den Eimer.

Bummbummbumm!

Emma sang so laut sie konnte:

„PLIPP UND PLOPP UND PLICK!“

Piet öffnete den Mund. Dann schloss er ihn wieder.

Er hob eine Pfote.

Niemand bemerkte es.

Er hob beide Pfoten.

Mimi hörte auf zu trommeln.

„Piet winkt!“, rief sie.

Fritz hielt seine Stöckchen still. Bruno legte die Pfoten auf die Knie. Emma verstummte mitten in einem „Plooo…“.

Auf einmal war es ruhig.

Sehr ruhig.

Dann kam ein winziges:

Tick.

„Ach“, sagte Mimi. „Die Eiszapfen sind ja auch noch da.“

Piet nickte.

„Ich wollte ihren Klang hören. Aber unsere Musik war so laut.“

Fritz schaute seine Stöckchen an.

„Meine beiden haben wohl zu viel geplaudert.“

„Mein Eimer auch“, brummte Bruno.

Emma setzte sich neben Piet.

„Dann machen wir es anders. Erst hören wir. Dann antworten wir.“

Sie legte die Pfoten in den Schoß.

Das war für Emma gar nicht so leicht.

Ihr Schwanz wollte wippen. Ihre Füße wollten hüpfen. In ihrem Mund warteten schon drei neue Liedzeilen.

Aber sie lauschte.

Tick.

Emma flüsterte: „Tick.“

Plopp.

Bruno sagte sanft: „Plopp.“

Plick.

Mimi tupfte einmal auf ihre Schale.

Tock.

Piet lächelte.

„Jetzt kann ich alle hören.“

Ein Lied mit Platz dazwischen

Eine kleine Wolke schob sich vor die Sonne.

Die Tropfen wurden langsamer.

Fritz hob seine Stöckchen. Dann wartete er.

„Darf ich schon?“, flüsterte er.

„Hör mal“, flüsterte Piet zurück.

Lange kam nichts.

Ein Vogel raschelte im Gebüsch. Weit hinten knackte ein Zweig. Bruno atmete gemütlich ein und aus.

Dann fiel ein Tropfen.

Tick.

Fritz antwortete mit einem einzigen Klack.

„Oh“, sagte Emma. „Die Pause gehört auch dazu.“

Mimi nickte. „Da hat der nächste Ton Platz.“

Nun probierten sie ihr Lied noch einmal.

Emma sang vor:

„Plipp und plopp und plick,

der Winter macht Musik.“

Mimi antwortete:

„Tropfen klein, Tropfen rund,

fallen auf den Waldesgrund.“

Fritz überlegte kurz. Dann sang er:

„Einer hüpft aufs Blatt hinaus …“

„… und ruht sich in der Pfütze aus!“, ergänzte Bruno.

„Tropfen ruhen sich nicht aus“, sagte Mimi.

Bruno lächelte. „Meine schon.“

Piet summte eine Melodie dazu. Sie ging ein bisschen hinauf und wieder hinunter. So einfach, dass alle bald mitsingen konnten.

Zwischen den Zeilen ließen sie Platz.

Für ein Tick.

Für ein Plopp.

Oder für gar nichts.

Als die Sonne wieder hervorkam, glitzerte die Höhle. Die Eiszapfen tropften schneller. Emma sang schneller mit. Mimi klopfte sacht. Fritz machte klack. Bruno steuerte ein tiefes, freundliches Bumm bei.

Piet sang nun auch. Seine Stimme war leise, aber alle konnten sie hören.

Nach einer Weile betrachtete Emma die Eiszapfen.

„Der kleine dort ist fast weg.“

An seiner Spitze hing ein dicker Tropfen. Er wurde größer und größer.

Dann fiel er.

Plipp.

Der kleine Zapfen war verschwunden.

Emma wurde still.

„Morgen klingt unser Konzert vielleicht ganz anders“, sagte sie.

„Ja“, sagte Piet.

„Und irgendwann sind alle Eiszapfen weg.“

Bruno nickte. „Dann tropft vielleicht der Regen.“

„Oder die Blätter rascheln“, sagte Mimi.

Fritz hielt seine Stöckchen hoch. „Und diese beiden haben bestimmt noch etwas zu erzählen.“

Emma lächelte wieder.

„Aber heute hören wir noch zu.“

Sie rückten näher zusammen. Bruno teilte sein Brot in fünf Stücke.

„Wie nennen wir unser Lied?“, fragte Mimi.

Emma brauchte nicht lange zu überlegen.

„Das Konzert der Eiszapfen!“

Dann sangen sie es noch einmal.

Leise genug für Piets Stimme.

Langsam genug für die Pfütze.

Und mit einer kleinen Pause für den allerletzten Tropfen.

Plopp.

Zum Weiterdenken

  • Welche leisen Geräusche kannst du hören, wenn du ganz still bist?
  • Welchen Klang würdest du zum Lied der Freunde beitragen?
  • Wie könnte der Wald klingen, wenn der Frühling kommt?

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