Geschichten · Tiergeschichten

Mimi und das fremde Kaninchen

Ein neues Tier zieht in den Wald und fühlt sich fremd.

  • Veröffentlicht: 17.05.2026
  • Alter: 3–7 Jahre
  • 6 Minuten Vorlesezeit
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Mimi Maus saß vor ihrem Mauseloch und versuchte, eine Erdbeere auf dem Kopf zu balancieren.

„Wenn das klappt, bin ich die Erdbeerkönigin“, erklärte sie.

Piet Igel lag im Moos. „Und wenn sie herunterfällt?“

„Dann frühstücke ich.“

Da raschelte es hinter dem Haselbusch. Zwei lange Ohren tauchten auf. Dann eine rosa Nase. Schließlich stand ein kleines, graues Kaninchen auf dem Waldweg. Es zog einen Wagen mit einer blauen Decke, einem Blumentopf und einem schiefen Hocker.

Mimi sprang auf. Die Erdbeere kullerte ins Gras.

„Hallo! Wer bist du? Was wächst in deinem Topf? Und warum hat dein Hocker nur drei Beine?“

Das Kaninchen hielt die Wagendeichsel fest.

„Ich heiße Jona“, sagte es leise.

Dann schaute es auf den Boden.

Ein Haus voller Stille

„Ich bin Mimi. Das ist Piet. Er weiß fast alles. Nur nicht, wie man Erdbeerkönigin wird.“

Piet nickte freundlich. „Ziehst du hierher?“

Jona zeigte auf den alten Bau unter der Birke.

„Da wohne ich jetzt.“

„Dann sind wir Nachbarn!“, rief Mimi. „Ich zeige dir den Bach und unsere Wiese und den Baum, der aussieht wie Brunos Po!“

Jona wich einen kleinen Schritt zurück.

„Ich muss erst auspacken.“

„Klar“, sagte Piet. „Willkommen im Freche-Maus-Wald.“

Jona zog seinen Wagen weiter. Ein Rad hüpfte über eine Wurzel. Der Blumentopf klapperte, und Mimi wollte schon zugreifen. Doch Jona hielt ihn fest.

„Es geht“, murmelte er.

Bald verschwand er in seinem neuen Bau.

Mimi setzte sich neben Piet.

„Er mag mich nicht.“

„Das wissen wir noch gar nicht.“

„Er hat nicht einmal über Brunos Po gelacht.“

Piet betrachtete die Erdbeere im Gras.

„Vielleicht war ihm alles ein bisschen viel.“

Unter der Birke stellte Jona seinen Hocker auf. Er legte die blaue Decke aufs Bett und schob den Blumentopf ans Fenster.

Draußen riefen Vögel, deren Stimmen er nicht kannte. Die Birkenzweige klopften anders als die Zweige vor seinem alten Zuhause.

Jona setzte sich auf den Hocker.

Der wackelte.

„Du bist wenigstens noch genauso“, flüsterte er.

Ein Besuch mit vielen Füßen

Am Nachmittag kam Emma Eichhörnchen vorbei.

„Ein neuer Nachbar? Wir müssen ihn begrüßen!“

„Mit einem Fest“, sagte Fritz Fuchs.

„Mit Kuchen“, sagte Bruno Bär.

„Mit allem!“, rief Mimi.

Bald standen sie vor Jonas Tür. Emma hatte eine Girlande aus Blättern dabei. Fritz trug eine selbst gebastelte Krone. Bruno hielt einen Kuchen, so groß wie ein Wagenrad.

Piet brachte einen kleinen Korb mit Beeren.

Mimi klopfte.

Als Jona öffnete, riefen alle: „Willkommen!“

Jona zuckte zusammen.

Emma wollte die Girlande aufhängen. Fritz setzte sich die Krone auf.

„Ich bin der königliche Begrüßungsfuchs. Wo darf der Kuchen wohnen?“

Bruno schob ihn vorsichtig nach vorn. Doch der Kuchen war breiter als die Tür.

„Hm“, brummte er. „Vielleicht muss ich ihn kleiner essen.“

Niemand bemerkte, dass Jona immer stiller wurde. Nur Piet sah, wie seine Pfoten am Türrahmen kneteten.

„Moment“, sagte Piet sanft. „Jona, möchtest du gerade Besuch?“

Das Kaninchen schluckte.

„Eigentlich … lieber nicht.“

Mimis Ohren sanken.

„Aber wir haben doch extra …“

Sie hielt inne. Jona schaute auf den riesigen Kuchen. Dann auf die vielen Füße vor seiner kleinen Tür.

„Bei mir ist noch alles durcheinander“, sagte er.

Bruno nickte. „In meinem Kopf morgens auch.“

Fritz nahm die Krone ab. Emma rollte die Girlande zusammen.

„Dann gehen wir wieder“, sagte Piet.

Mimi stellte den Beerenkorb neben die Tür.

„Die können bleiben. Sie machen keinen Lärm.“

Ein winziges Lächeln huschte über Jonas Gesicht.

„Danke.“

Auf dem Rückweg kickte Mimi ein Blatt.

„Unser Willkommen war wohl zu groß.“

„Vielleicht braucht es heute ein kleines“, sagte Piet.

Eine kleine Einladung

Am nächsten Morgen schnitt Mimi ein Blatt in zwei Hälften. Auf die eine malte sie sich selbst. Auf die andere einen Bach und zwei flache Steine.

Darunter schrieb sie mit großer Mühe:

Ich gehe zum Bach. Du kannst mitkommen. Musst aber nicht. Mimi.

Sie legte das Blatt vor Jonas Tür. Dann setzte sie sich nicht davor. Sie ging zum Bach.

Dort baute sie einen winzigen Hafen aus Zweigen.

Eine Weile geschah nichts.

Dann hörte sie Schritte.

Jona stand zwischen den Farnen. Er hielt einen breiten, grünen Blätterhut in den Pfoten.

„Ist hier noch ein Platz frei?“

Mimi rückte zur Seite.

„Sogar zwei. Aber einer ist für meinen Schwanz.“

Jona setzte sich auf den flachen Stein.

Sie schwiegen. Das Wasser gluckste. Ein Käfer kletterte über Mimis Hafentor.

„Der hat keine Eintrittskarte“, sagte Mimi.

Jona lachte leise.

Nach einer Weile fragte Mimi: „Was wächst eigentlich in deinem Blumentopf?“

„Minze. Sie kommt aus unserem alten Garten.“

„Riecht sie gut?“

Jona nickte. „Nach Zuhause.“

Er drehte den Blätterhut um. Darin lagen kleine, gefaltete Rindenschiffchen.

„Die habe ich gemacht.“

Mimi riss die Augen auf.

„Die brauchen unbedingt meinen Hafen!“

Sie ließen die Schiffchen ins Wasser. Eines drehte sich im Kreis.

„Das sucht einen Parkplatz“, sagte Jona.

Mimi kicherte so sehr, dass ihre Schnurrhaare zitterten.

Als Emma über ihnen durchs Geäst huschte, winkte sie.

„Darf ich zugucken?“

Jona sah zu Mimi. Dann nickte er.

Emma hockte sich ans Ufer.

„Ich kann eine Brücke bauen.“

„Nicht zu niedrig“, sagte Jona. „Unsere Kapitäne haben lange Ohren.“

Bald kam Fritz dazu. Er fragte, ob der Hafen einen Leuchtturm brauche. Bruno brachte drei kleine Kuchenstücke auf einem Teller.

„Dieser passt überall durch“, sagte er.

Piet setzte sich ins Gras.

Niemand rief durcheinander. Niemand zog Jona irgendwohin. Als sein Schiff zwischen zwei Steinen hängen blieb, warteten alle, bis er es selbst mit einem Zweig befreit hatte.

Am Abend ging Mimi mit ihm bis zur Birke.

„Morgen wieder?“, fragte sie.

„Ja“, sagte Jona. „Und vielleicht danach Minztee bei mir?“

„Mit königlicher Erdbeere?“

„Unbedingt.“

Jona öffnete seine Tür. Drinnen warteten die blaue Decke, der schiefe Hocker und der Blumentopf.

Er pflückte ein Minzblatt und hielt es Mimi hin.

Sie schnupperte.

„So riecht also dein altes Zuhause.“

Jona nickte. Dann zeigte er auf zwei freie Stellen neben dem Fenster.

„Hier könnten morgen unsere Schiffe trocknen.“

Zum Weiterdenken

Wie hat Jona sich wohl an seinem ersten Tag gefühlt? Warum war die kleine Einladung zum Bach für ihn angenehm? Was würdest du einem neuen Nachbarn gern zeigen?

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