Geschichten · Tiergeschichten
Fritz macht einen Fehler
Beim gemeinsamen Malen kleckst Fritz Fuchs auf Brunos Bild und entdeckt, dass aus einem ärgerlichen Fleck etwas wunderbar Neues entstehen kann.
Auf der großen Lichtung im Freche-Maus-Wald stand ein langer Tisch. Darauf lagen Pinsel, Papier und dicke Wachsmalstifte. In kleinen Schälchen leuchteten die Farben: Erdbeerrot, Sonnengelb, Himmelblau und ein Grün wie frisches Moos.
Mimi Maus hatte alles vorbereitet. Sogar ihre rote Latzhose trug schon einen gelben Tupfer.
„Ist das Absicht?“, fragte Piet Igel.
Mimi schaute an sich herunter.
„Jetzt schon“, sagte sie. „Das ist meine Hosensonne.“
Emma Eichhörnchen kicherte. Sie saß bereits auf der Bank und sortierte die Pinsel.
Bruno Bär brachte einen Krug Wasser. Fritz Fuchs trug eine Schüssel mit Apfelstücken.
„Für hungrige Künstler“, erklärte er. „Malen ist schließlich Kopfarbeit. Und mein Kopf knurrt schon.“
„Das ist dein Bauch“, sagte Piet.
„Ach, die beiden sprechen sich ab.“
Alle lachten. Dann suchte sich jeder ein großes Blatt Papier aus.
Heute wollten sie Bilder für Brunos gemütliche Bärenhöhle malen. Dort war die Wand über dem Sofa noch ganz leer.
Ein Himmel voller Pläne
Emma malte einen Baum mit sieben Schaukeln.
„Eine für jeden Wochentag“, sagte sie.
Piet malte einen Bach. Kleine, runde Steine lagen darin, und am Ufer wuchsen winzige Blumen.
Mimi malte sich selbst auf einem riesigen Käse.
„Das ist kein Käse“, erklärte sie. „Das ist mein Schloss.“
Fritz malte eine Wiese mit roten Blumen. Er hielt seinen Pinsel hoch und kniff ein Auge zu.
„Hier fehlt noch etwas Besonderes.“
„Vielleicht ein Schmetterling?“, fragte Emma.
„Vielleicht ein Fuchs mit Krone.“
„Ganz bescheiden“, murmelte Piet.
Bruno sagte wenig. Er strich vorsichtig blaue Farbe über sein Papier. Darunter malte er grüne Hügel und ein kleines gelbes Haus.
Vor dem Haus entstand eine Bank.
„Wer wohnt denn da?“, fragte Mimi.
„Meine Oma hat dort gewohnt“, sagte Bruno. „Im Sommer haben wir auf der Bank gesessen. Sie hat Birnen geschält, und ich durfte die Schalenkringel essen.“
Er lächelte so weich, dass Mimi gleich näher rückte.
„Und was kommt dort oben hin?“
Sie zeigte auf eine helle Stelle im Himmel.
„Die Sonne“, sagte Bruno. „Ganz rund. So sah es damals aus.“
Fritz griff nach dem blauen Farbschälchen.
„Ich brauche nur einen winzigen Klecks für meinen Kronenfuchs.“
Dabei blieb sein Ärmel an einem Pinsel hängen.
Der Pinsel rollte.
Fritz griff danach.
Sein Ellenbogen stieß gegen das Schälchen.
Und dann machte es:
Plapp.
Der blaue Klecks
Ein dicker Schwall blauer Farbe landete mitten auf Brunos Bild.
Genau dort, wo die Sonne hin sollte.
Alle wurden still.
Die Farbe breitete sich aus. Ein blauer Zipfel kroch Richtung Hügel. Ein anderer schob sich über den Rand einer Wolke.
Fritz hielt das leere Schälchen fest.
„Oh“, sagte er.
Bruno starrte auf sein Papier.
„Mein Himmel.“
Es war nur ein leiser Satz. Trotzdem hörten ihn alle.
Fritz setzte zu einem Witz an. Irgendetwas mit einer sehr nassen Sonne. Doch als er Brunos Gesicht sah, ließ er den Witz lieber in seinem Mund.
„Das war ich“, sagte er. „Ich habe das Schälchen umgestoßen. Es tut mir leid.“
Bruno legte seinen Pinsel hin.
„Ich habe so lange daran gemalt.“
„Ich weiß.“
Fritz spürte ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Diesmal war es kein Hunger.
Schnell nahm er ein Tuch.
„Ich mache es weg!“
„Warte“, sagte Piet ruhig.
Fritz hielt mitten in der Bewegung an.
„Wenn du reibst, wird der Fleck vielleicht noch größer.“
Bruno zog sein Bild ein kleines Stück zu sich.
„Bitte nicht einfach wischen.“
Fritz legte das Tuch auf den Tisch.
„Gut. Ich fasse nichts an.“
Emma hörte auf, mit ihren Füßen zu wippen. Mimi schob die Apfelschüssel beiseite, damit Bruno mehr Platz hatte.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Über ihnen raschelten die Blätter. Irgendwo summte eine Hummel.
Dann fragte Fritz: „Kann ich dir ein neues Blatt holen?“
Bruno schüttelte den Kopf.
„Aber auf diesem ist doch schon Omas Haus.“
Fritz nickte. Er verstand. Das Haus ließ sich nicht einfach auf ein anderes Blatt tragen.
Was im Fleck steckt
Mimi stellte sich auf die Zehenspitzen.
Sie schaute den Fleck von links an.
Dann von rechts.
Dann legte sie den Kopf so schief, dass ihr ein Ohr über die Augen rutschte.
„Komisch“, murmelte sie.
„Was?“, fragte Bruno.
„Von hier sieht er aus wie ein Wal.“
Emma beugte sich vor.
„Ein Wal mit einem dicken Bauch!“
„Für mich ist es eine Kartoffel“, sagte Fritz vorsichtig.
Piet betrachtete das Bild.
„Eine Kartoffel mit Schwanzflosse?“
Fritz schaute noch einmal hin.
„Eine sehr seltene Schwimmkartoffel.“
Brunos Mundwinkel zuckten. Nur ein winziges bisschen.
Mimi zeigte auf den langen blauen Zipfel.
„Da könnte die Flosse sein. Und hier der Kopf.“
„Aber ein Wal fliegt nicht über Omas Haus“, sagte Bruno.
„Auf meinem Bild steht ein Käseschloss“, sagte Mimi. „Bisher hat sich niemand beschwert.“
Bruno betrachtete den Fleck.
Er drehte das Papier ein wenig.
Dann noch ein wenig.
„Oma hat mir früher Geschichten erzählt“, sagte er langsam. „Manchmal waren darin Wolkentiere. Einmal sogar eine Giraffe, die den Mond ableckte.“
Emma kicherte.
„Hat er nach Käse geschmeckt?“
„Nach Vanillepudding.“
Jetzt musste auch Bruno lächeln.
Fritz rückte seinen Stuhl näher, aber seine Hände blieben auf den Knien.
„Möchtest du daraus einen Wolkenwal machen?“, fragte er. „Oder lieber etwas anderes?“
Bruno dachte nach.
„Einen Wolkenwal“, sagte er schließlich. „Aber einen freundlichen.“
„Den freundlichsten im ganzen Himmel“, versprach Fritz.
„Ich male ihn“, sagte Bruno.
„Natürlich.“
Bruno nahm einen dünnen Pinsel. Mit dunkler Farbe tupfte er ein Auge in den blauen Fleck. Darunter malte er einen gebogenen Mund.
Plötzlich sah der Klecks zurück.
Emma klatschte in die Hände.
„Er lächelt!“
Bruno malte eine Schwanzflosse dazu. Dann setzte er kleine weiße Wolken um den Bauch.
„Jetzt braucht er noch eine Wasserfontäne“, sagte Fritz.
Bruno schüttelte den Kopf.
„Eine Blumenfontäne. Oma mochte Blumen.“
Er hielt Fritz einen Pinsel hin.
„Magst du die malen? Ganz kleine?“
Fritz nahm ihn vorsichtig.
„Sehr gern.“
Er tupfte gelbe, rote und rosafarbene Blüten über den Walkopf. Eine sah aus wie ein Stern. Eine andere wie eine winzige Schleife.
Mimi seufzte zufrieden.
„Der gießt wohl die Himmelsgärten.“
Bruno lehnte sich zurück.
Über Omas Haus schwamm nun ein blauer Wal und pustete Blumen in die Luft.
„Anders als geplant“, sagte Bruno.
Fritz nickte.
„Ja.“
„Aber schön.“
Später hingen alle Bilder über Brunos Sofa. Das mit dem Wolkenwal bekam den Platz in der Mitte.
Fritz blieb lange davor stehen.
„Danke, dass ich mitmalen durfte.“
Bruno legte ihm eine große, warme Tatze auf die Schulter.
„Beim nächsten Mal stellen wir die Farben weiter weg vom Rand.“
„Und meine Ellenbogen kommen an die Leine“, sagte Fritz.
Bruno lachte.
Dann setzten sie sich alle aufs Sofa, aßen die letzten Apfelstücke und überlegten, wohin ein Wolkenwal wohl schwimmt, wenn es Abend wird.
Zum Weiterdenken
- Wie hat sich Bruno gefühlt, als die Farbe auf sein Bild gekleckst ist?
- Was hat Fritz getan, nachdem ihm der Fehler passiert war?
- Welches Tier oder Fantasiewesen würdest du aus einem bunten Klecks malen?